Von Spaniern in Barcelona lernen, wie man in harten Zeiten das Leben genießt

Ein weiteres großes Plus sind ihrer Meinung nach das Klima, dank dem selbst im Dezember ein dicker Pullover ausreicht sowie die Leute, die hier leben, da sie enorm viel Lebensfreude ausstrahlen. Ihr eindrücklichstes Erlebnis in diesem Land? "Die Begegnung mit unterschiedlichsten Menschen und ihrer umwerfenden Aufgeschlossenheit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft." Genau das unterscheidet die spanische von der deutschen Mentalität: "Sie gehen offener und gelassener durchs Leben und wissen trotz der schwierigen Situation hier, wie man das Leben genießen kann."

Ende September 2013 lag die Arbeitslosenquote in Spanien bei fast 26 Prozent, ein Zustand, der gerade vielen jungen Leuten zu schaffen macht. Charlene erzählt, dass die Wirtschaftskrise, die das Land hart getroffen hat, die Jobsuche in Spanien wirklich schwer mache: "Es gibt wahnsinnig viele junge und gut ausgebildete Leute, die sich zum Beispiel mit Kellnern über Wasser halten müssen. Diese Unzufriedenheit spürt man natürlich." Dass sie mit dieser Situation und der Politik im eigenen Land nicht einverstanden sind, bringen sie, zu Recht, wie die Deutsche findet, durch häufige Demonstrationen deutlich zum Ausdruck.

<figcaption>Dank Barcelonas Schönheit können die Spanier das Leben trotz Schwierigkeiten genießen</figcaption>
Dank Barcelonas Schönheit können die Spanier das Leben trotz Schwierigkeiten genießen

Ein Küsschen auf die Wange zeugt von gutem Benehmen

Trotz der angespannten Arbeitsmarktsituation hat sie 2012 den Schritt nach Barcelona gewagt. Neben ihrer Tätigkeit als Deutschlehrerin an einer Sprachschule machte sie sich mit dem Coworking Space "El Rave" mitten im Viertel El Raval selbstständig. Ein Ort für Kreative und Selbstständige, die einen Arbeitsplatz für kurze oder längere Zeit mieten können. Die Idee ist zudem, sich gegenseitig zu unterstützen und auszutauschen.

Gab es in diesem Jahr etwas, an das sie sich nur schwer gewönnen konnte? Auch nach längerem Überlegen fällt Charlene nichts Bedeutendes ein. Sie weiß jedoch, dass es hier für viele Deutsche schwer ist, mit der Unpünktlichkeit der Leute klar zu kommen. Sie empfand das jedoch nie als Problem. "Im Gegenteil, das kommt mir ehrlich gesagt ziemlich entgegen. So bin ich nicht mehr die Einzige, die immer zu spät kommt", schmunzelt sie.

Ihr Tipp für alle, die nach Barcelona kommen, wenn auch nur für ein paar Tage: "Unbedingt an die Küsschen links und rechts beim Vorstellen und Begrüßen denken. Wenn man nur die Hand hinstreckt, wird das schnell als abweisend und unhöflich verstanden." Und tatsächlich sollte man besonders auf seine Taschen und Wertsachen achten, denn häufige Diebstähle sind leider kein Vorurteil. Übrigens nicht wundern, dass die Leute teilweise großen Wert darauf legen, nicht als Spanier sondern Katalanen bezeichnet zu werden, was aus politischer Sicht für Charlene gut nachvollziehbar ist. Angeblich seien die Katalanen etwas verschlossener und ernster, was sie bis jetzt allerdings nicht bestätigen kann.

Von Tapas bekommt Charlene nie genug
Von Tapas kriegt Charlene nie genug

Geheimtipps - vom Künstlerdorf bis zu Tapas

Ansonsten empfiehlt sie Besuchern, unbedingt einen Tag und einen Abend in Gràcia zu verbringen. Denn das Viertel, in dem Charlene auch selbst lebt, gehört für sie zu den schönsten der Stadt: "Es ist nicht so von Touristen überlaufen, man fühlt sich ein bisschen wie in einem kleinen Dorf mitten in der Stadt und es wird in Reiseführern oft als "Künstlerviertel" beschrieben". Hier haben sich viele kleine Läden vor allem von lokalen Künstlern und Designern angesiedelt und es reiht sich eine Plaza an die andere, die zum gemütlichen Verweilen einlädt.

Charlenes Geheimtipp: das Café "Sol Soler" auf der "Plaza del Sol" mit sehr leckeren, etwas anderen Tapas und den besten "Patatas Bravas" - gebackene Kartoffeln mit würziger Tomatensauce. Wenn sie so begeistert erzählt, kann man sich kaum vorstellen, dass sie etwas an Deutschland vermisst. Spricht man sie darauf an, zählt sie richtig gutes Vollkornbrot, Pfandflaschen und ernsthafte Mülltrennung auf - und fügt hinzu: "natürlich meinen Freund, meine Freunde und Familie."

Hat gut Lachen: <figcaption>Alleine fühlt sich Charlene nicht</figcaption>
Alleine fühlt sich Charlene nicht

Meister im Flirten: Einsamkeit ist ein Fremdwort

Apropos Zwischenmenschliches. Wie sehen die Spanier das Thema mit der Liebe? "Die Leute hier sind wesentlich offener und kontaktfreudiger als die Deutschen", hat Charlene festgestellt. "Nicht selten kommt es vor, dass man auf der Straße, im Supermarkt oder im Café mit anderen Passanten bzw. Wartenden in der Schlange an der Kasse oder mit Tischnachbarn ins Gespräch kommt. Flirten bleibt dabei auch nicht aus. Die Stimmung in der Stadt und die Menschen selber sind schon eher flirty." Feste Partnerschaften sind daher auch eher selten, wobei das weniger an den Spaniern, als an der Internationalität der Stadt und der hohen Fluktuation an Bewohnern und Besuchern liegt. Kein Wunder, schließlich leben 2013 circa 280.000 Ausländer in Barcelona, das sind 17,5 % der Einwohner. 4,3 % davon sind übrigens Deutsche!