Die Autorin Sia Bronikowski © Judith Kunz
Die Autorin Sia Bronikowski © Judith Kunz

1. Wie beginnt man im Zug ein Gespräch mit einem Wildfremden?

Sia Bronikowski: Mit einem Lächeln oder einer profanen Aussage zum Wetter. Wenn sich daraus ein Gespräch entwickelt, sollte man nicht ständig nachhaken, sonst landet man immer wieder auf der "oberen Tonspur". Wenn man aber abwartet und aufmerksam zuhört, vertiefen sich die Rillen.

2. Haben Sie schon einmal Ihre Station verpasst, weil Sie sich verquatscht haben?

Sia Bronikowski: Nein, aber fast. Bei einem Gespräch waren wir wie in einem Kokon und haben gar nicht mehr bemerkt, was um uns herum passierte.

3. Unterwegs treffen Sie Anwälte, Hebammen und Kernphysiker - schärft das Ihre Menschenkenntnis?

Sia Bronikowski: Auf jeden Fall. Ich habe gelernt, dass das Äußere und das Innere oft gar nicht übereinstimmen. Dass ganz andere Geschichten hinter den Menschen stecken, als man vermutet und jeder etwas Besonderes in sich trägt.

4. Woher kommt Ihre Neugier für Menschen?

Sia Bronikowski: Die ist irgendwie schon immer da. Ich komme aus einer Großfamilie mit sieben Kindern und war schon immer sehr neugierig.

5. Hat mal einer Ihrer Gesprächspartner nach Ihrer Geschichte gefragt?

Sia Bronikowski: Ganz selten. Das Spannende ist für mich aber auch das Zuhören.

6. Gang- oder Fensterplatz, Großraum oder Abteil?

Sia Bronikowski: Bei meiner Online-Reisebuchung lasse ich bewusst immer den Zufall entscheiden. Interessant ist, dass sich Gespräche im Abteil anders entwickeln, als im Großraum. Es entsteht gleich so ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Am Anfang sitzen da zwei Individuen. Betritt eine weitere Person das Abteil, bildet sich aus den beiden Individuen ein "uns", das abcheckt, ob der Neue dazu passt. Das Gleiche passiert, wenn eine vierte Person ins Abteil kommt. Diese Gruppendynamik zu beobachten, ist spannend.

Welche Reisebekanntschaft verbirgt sich wohl im nächsten Abteil? © Deutsche Bahn AG
Welche Reisebekanntschaft verbirgt sich wohl im nächsten Abteil? © Deutsche Bahn AG

7. Sie trinken gerne Cappuccino im Bordbistro - ist das Ihr Ernst?

Sia Bronikowski: Ja, aber nur im Schweizer Zug, dort schmeckt er köstlich. In den deutschen Zügen bekommt man dafür leckeres, frischgezapftes Bier.

8. Lässt es sich im Zug besser quatschen als im Flugzeug?

Sia Bronikowski: Ohja! Die Leute sind entspannter, weil sie jederzeit flüchten und sich zum Beispiel umsetzen können. Im Flugzeug sitzt man stundenlang eng beieinander. Wenn man da seinem Sitznachbarn den kleinen Finger reicht, hat man ihn eventuell für eine sehr, sehr lange Zeit an der Backe.

9. Die beste Ausrede für das verschwundene Ticket, die Sie auf Ihren Reisen mitbekommen haben?

Sia Bronikowski: Einmal hat sich ein Zugschaffner für eine ältere Dame eine Ausrede einfallen lassen, damit sie trotz Zugbindung nach Freiburg doch noch spontan ihre Nichte in Karlsruhe besuchen konnte. Das war rührend.

10. Belgien, Dänemark, Kroatien, Schweiz - mit der Bahn kommt man europaweit ziemlich gut rum. Welche Länder haben Sie schon per Bahn bereist?

Sia Bronikowski: Früher bin ich per Interrail durch ganz Europa gereist, heute bin ich beruflich vor allem in Deutschland und den direkten Nachbarländern unterwegs - Italien, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

Entlang der vielen Flüsse reist es sich besonders schön © Deutsche Bahn AG
Entlang der vielen Flüsse reist es sich besonders schön © Deutsche Bahn AG

11. Welche Zugstrecke ist besonders interessant?

Sia Bronikowski: Ich liebe die Rheinstrecke, an der Mosel ist es auch sehr schön.

12. Und welche besonders langweilig?

Sia Bronikowski: Mit dem Sprinter von Berlin nach Frankfurt, denn da rauscht man einfach von A nach B.

13. Wo steht der schönste Bahnhof?

Sia Bronikowski: Ein Geheimtipp ist der Bahnhof Rolandseck, der direkt mit dem Hans-Arp-Museum verbunden ist - eine großartige Idee. Dort gibt es auch ein tolles Restaurant mit Rheinblick.

14. Sie betreiben einen polnischen Kultursalon mit Galerie - ist Polen eine Reise wert?

Sia Bronikowski: Was mich in Polen besonders fasziniert, sind die tollen Galerien. Dort bekommt man erst mal einen Tee angeboten und kann sich einfach aufhalten, das kannte ich aus deutschen Galerien nicht. So finden auch Leute zur Kunst, die sonst wenig Bezug dazu haben.

15. Welche Ecken der Welt begeistern Sie besonders?

Sia Bronikowski: Liberia. Die Unmittelbarkeit der Menschen dort berührt mich. Und Georgien. Beide Länder sind besonders reich an Vitalität und Gastfreundschaft.

Hübsche Landschaften rauschen vorbei © Deutsche Bahn AG
Hübsche Landschaften rauschen vorbei © Deutsche Bahn AG