Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Loomit: Schwer zu sagen. Wie jeder andere Graffiti-Künstler schreibe ich gerne meinen Namen an eine Wand. Dabei arbeite ich mit räumlicher Wirkung. Unter Sprayern würde man das 3D-Technik nennen. Und das Ganze verbinde ich dann mit illustrativen Elementen.

Was für Farben verwendest du?

Loomit: Alles, was ich finde, normale Streichfarbe, Latex, Sprühlacke - das Wichtigste ist, es muss tragbar sein und den Gegebenheiten Rechnung tragen. Bei heißem Klima verwende ich z. B. eher Streichfarbe, ein Liter davon in einer Plastikflasche abgefüllt reicht so lange wie vier oder fünf ganze Dosen. Ich bin also kein Dogmatiker, ich passe mich an.

Wie entscheidest du, an welcher Stelle du sprühst?

Loomit: Das sehe ich gleich bei der Anreise oder ich gehe früh los und finde was. Ich bin geschult darin, die Straße zu lesen. Früher war man als Sprüher immer bemüht, unsichtbar zu sein. Heute ist das einfacher, weil ohnehin alle - egal wo - auf ihre Smartphones schauen und nichts merken.

Dieses Graffiti in Chongking fertigte Loomit 2008 an
Dieses Graffiti in Chongking fertigte Loomit 2008 an

USA, Australien, Indien, Brasilien...du bist viel gereist. Welche Städte kannst du in Sachen Graffiti empfehlen?

Loomit: São Paulo - aber ganz Brasilien hat viel Potential. Gerade war ich in Fortaleza, im Nordosten Brasiliens. Die Künstler dort sind fantastisch. Ganz Südamerika hat gute Plätze. In Deutschland wäre das Schanzenviertel in Hamburg zu nennen. Dort haben sich die besten Leute die Klinke in die Hand gedrückt. Russland ist auch interessant, wobei sich das nicht auf Moskau beschränkt, auch in Städten wie Nowosibirsk entdeckt man tolle Kunst.

Loomit's Top 3 Graffiti Spots: "São Paulo, Hamburg's Schanzenviertel & Nowosibirsk"

Du schwärmst vom brasilianischen Stil, was ist daran so besonders?

Loomit: Er ist eigen und poetisch. Durch den Einfluss der portugiesischen Kultur enthält er märchenhafte Elemente. Bis 1985 war Brasilien eine recht abgeschottete Militärdiktatur. Das heißt in Brasilien hat sich Graffiti im Vergleich zu Westeuropa isoliert entwickelt - ohne den Einfluss internationaler Medien. In den Favelas ist ein Stil entstanden, der an die Heavy Metal Platten der 80er erinnert - langgezogene, runenartige Schriften. Die Künstler haben dort schon früh extreme Sachen kreiert, sind auf Hochhäuser geklettert und haben auf Höhe des 17. Stocks großflächige Bilder gemalt. Wir sind fast umgekippt, als wir das das erste Mal gesehen haben.

Sprühen und malen bei 40 Grad und Verkehr - dieses Graffiti in Fortaleza verlangte Loomit ganz schön viel ab
Sprühen bei 40 Grad und Verkehr - dieses Graffiti in Fortaleza verlangte Loomit ganz schön viel ab

Wird deine Kunst von fremden Kulturen beeinflusst oder bleibst du deinem Stil treu?

Loomit: Ich mache das, was ich am besten kann. Aber ich passe mich den Umständen an. In Fortaleza habe ich im Rahmen eines Festivals gerade eine Gefängnismauer bemalt - direkt an einer sechsspurigen Autobahn und das bei 40 Grad. Bei diesen extremen Bedingungen habe ich mich darauf konzentriert, effizient zu arbeiten, die Leute zu koordinieren, die Technik im Auge zu behalten. Es kam mir auch zugute, dass ich immer vor der Sonne aufstehe. Dann habe ich noch einige Stunden bis es heiß wird, meine Kollegen wach werden, ich kann etwas vorbereiten oder durch die Stadt gehen und malen. Meine Art von Frühsport.

Geht das so ohne Weiteres?

Loomit: Das Konzept von Sachbeschädigung kennt man in Brasilien nicht. Auch hier komt mal die Polizei vorbei. Aber man ist vorbereitet, trägt ein Goldkreuz und sagt sowas wie "ich male für die Liebe von Jesus". Dann kommt: "Ok, brauchst du ne Leiter?" Ich habe dort sechs Bilder über die Stadt verteilt. So sieht man erstaunliche Dinge. In den Favelas züchten sie zum Beispiel echt schöne Pferde.

Klingt, als wäre das Reisen als Graffiti-Künstler sehr speziell...

Loomit: Mit Graffiti kommst du in jede Welt rein. Noch vor 2006 und der Seilbahn war ich in den Favelas von Rio, die kein wohlhabender Europäer ohne Gefahr besuchen konnte. Ich kannte die Sprayer dort und die stellten mich dem Gangsterboss des Viertels vor. Ohne seine Erlaubnis und seinen Schutz hätten wir da nicht arbeiten können. Am Ende habe ich, der Kiegsdienstverweigerer, auf Wunsch eben dieses Bosses Abbilder seiner M16-Sturmgewehre an die Wand gesprüht, weil er auf die so stolz war.

Loomit Graffiti in Dehli 2011
Loomit Graffiti in Dehli 2011

Keine Angst gehabt?

Loomit: Nein, ich habe schon viele solcher Situationen erlebt. Im Grunde ist es überall wie im Wilden Westen: Auf den Pianospieler wird nicht geschossen. Wer Kultur mitbringt, ist Gast, wird geduldet und beschützt.

Welche Graffiti-Festivals kannst du empfehlen?

Loomit: In Deutschland ganz klar das ibug-art Festival. Dort bin ich von Anfang an mit dabei. Jedes Jahr gestalten Künstler zusammen eine leerstehende Fabrik - bisher war das in Merane, letztes Jahr in Zwickau. International freue ich mich auf das Montreux Aerosol Art Festival in der Schweiz, dort bin ich vermutlich nächsten August. Vor allem mit den französischen Kollegen arbeite ich sehr gerne zusammen.

Und wo soll man dann hin, wenn man viele Bilder von dir sehen will?

Loomit: Im Gebiet um die Kultfabrik in München beim alten Ostbahnhof sieht man so einiges von mir. Und in der Unterführung beim Friedensengel, diesen Bereich habe ich auch selbst kuratiert.