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Im Vordergrund, ein originalgetreuer Nachbau von Schloss Neuschwanstein, dahinter das blaue Meer. Und am Horizont leuchtet der Fuji-san mit seiner weißen Schneekappe. Jeden Abend Feuerwerk. Diese seltsame Kulisse kann es nur an einem Ort geben: Urayasu, Präfektur Chiba. Die Stadt hat gerade mal 160'000 Einwohner, aber das ist irrelevant, da man im Raum Tokyo sowieso nicht merkt, wo ein Ort aufhört und der nächste anfängt. Vor rund 10 Jahren hat es mich hierher verschlagen, und schuld daran ist meine Frau, die damals an der gleichen Universität in Deutschland studierte. Sie wohnte seit ihrer Kindheit in Urayasu, und es schien ihr dort so gut zu gefallen, dass sie weiterhin dort leben wollte.

Vor 50 Jahren gab es hier eigentlich nur ein Fischerdorf und ganz viel Watt. Heute gibt es hier Disneyland, ein nagelneues Stadtviertel, das man so auch in Florida finden könnte, und die etwas chaotische Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen, Karaoke-Bars und den engen Wohnhäusern. Dazwischen gibt es ungewöhnlich viele Parks und den höchsten Gipfel im Stadtgebiet: Einen liebevoll "Fuji-san von Urayasu" genannten, immerhin 11 Meter hohen Hügel, auf den sich die Kinder austollen.

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© Tabibito's Japan Blog

Nun fällt man als gewöhnlicher Mitteleuropäer in Japan zwangsläufig auf. Man ist der bunte Hund, an den sich jeder schnell erinnert. Ich brauche nur zwei Mal in einem Café das gleiche bestellen, und schon wird beim dritten Mal gefragt: "Wie immer?" Viele Japaner reagieren Ausländern gegenüber erstmal höflich reserviert, doch sobald sie merken, dass man Japanisch spricht, ändert sich das ganz schnell, und die Mischung aus Neugier und Gastfreundlichkeit ist in der Regel sehr angenehm.

Vor unserem Haus wohnt eine japanische Familie mit drei Generationen unter einem Dach. Der Großvater fährt jeden Morgen um 2 Uhr mit seinem Fischmobil zum Fischmarkt, kauft dort ein und verkauft die Ware weiter weg an seine Kundschaft. Hat sich der Fischhändler beim Einkauf verschätzt, bringt er uns fangfrischen Bonito, Lachskaviar und was das Meer noch so hergibt. Japaner helfen sich untereinander häufig, und die nachbarschaftlichen Beziehungen sind in Japan mit seiner doch recht dichten Bebauung sehr wichtig für ein intaktes Sozialleben. Besonders deutlich sticht diese Eigenschaft bei Katastrophen wie Erdbeben hervor, bei denen die Menschen die Ruhe bewahren und sich, wo nur möglich, gegenseitig unterstützen.

Urayasu hat mich auch gelehrt, dass Behördengänge Spass machen können. Ob ich ein Kind bei der Schule anmelden muss, eine Aufenthaltsgenehmigung verlängern oder ein Haus kaufen möchte - man braucht zahlreiche Formulare dafür. Mitunter drei oder vier gleichzeitig: Steuernachweis, Wohnsitznachweis, Namensstempelzertifikate und so weiter. Normalerweise treibt allein die Aussicht auf das Unterfangen, all diese Formulare und Stempelchen zu erhalten, Schweißperlen auf die Stirn. Nicht so in Urayasu: Ich gehe einfach Sonntags zum Rathaus. In den ersten Stock. Sofort winkt mich eine Mitarbeiterin heran und fragt, ob sie helfen könne. Ich sage nur, ich brauche dies und das und jenes. Dann bringt die Mitarbeiterin den Prozess Nummer 1 in Gang und schickt mich in die 2. Etage, damit ich dort Prozess Nr. 2 beginnen kann, denn der erste könne ein paar Minuten dauern bis zur Vollendung. In der Regel bin ich nach guten 5 Minuten mit allen Sachen fertig, und die Mitarbeiterin entschuldigt sich noch am Ende mehrfach für die Umstände. Es gibt sie also: Effiziente, kundenfreundliche, ja sogar menschliche Bürokratie! Dies ist, so viel sei angemerkt, auch in Japan alles andere als selbstverständlich. Alles in allem kann man nur eins sagen: koko wa kurashiyasui! - Hier lässt es sich leben!

© Tabibito's Japan Blog
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