Was liebst du daran, Fotograf zu sein?

Jarrad Seng: Die Begegnungen mit Menschen. Ich habe einige der exzentrischsten, inspirierendsten und wunderbarsten Leute getroffen - allein, weil ich die Kamera in der Hand hatte.

Du reist viel. Was waren die Top drei Orte, an denen du warst?

Jarrad Seng: Tansania war unglaublich schön, besonders weil ich dort die Kultur der Maasai hautnah miterleben durfte. In Island hat mich die endlose Anzahl an Wasserfällen, Lagunen und Eisbergen begeistert, die es zu fotografieren gab. Und Nepal bezaubert einfach mit seiner spielerischen Schönheit - man kann dort nicht aufhören, Bilder zu machen.

Jarrad Seng: An meinem letzen Tag in Island habe ich einen einheimischen Piloten getroffen und wir sind zusammen über die südliche Küste geflogen. Von oben habe ich diese surreale Landschaft aus vulkanischen Flüssen und Lavawüsten fotografiert. Es war unbeschreiblich, wie nicht von dieser Welt - ich konnte nicht glauben, dass das, was ich sehe, tatsächlich Teil dieser Erde ist. Einfach wunderschön.

Bevorzugst du Landschaften oder Menschen als Motiv?

Jarrad Seng: Auf jeden Fall Menschen. Ich liebe es, einmalige Landschaften festzuhalten, aber nichts ist vergleichbar damit, die Emotionen und die Geschichte hinter einem Portrait einzufangen. Jeder hat eine andere Geschichte zu erzählen.

Ist es ein Unterschied, ob man eine berühmte oder eine unbekannte Person porträtiert?

Jarrad Seng: Darüber habe ich nie viel nachgedacht. Der größte Unterschied besteht wohl darin, dass ich die Geschichte eines Unbekannten nicht kenne. Und es macht großen Spaß, herauszufinden, was die Geschichte dieses Menschen denn nun ist. Bei Musikern weiß ich meistens, wer sie sind und was sie mit ihrer Kunst ausdrücken wollen.

Was macht ein gutes Foto aus?

Jarrad Seng: Es ist einfach, ein "gutes" Foto zu machen - der Focus muss passen, die Belichtung und die Komposition sollten stimmig sein. Ein großartiges Foto jedoch, enthält Bedeutung, porträtiert eine Wahrheit oder zeigt dem Betrachter etwas, dass er noch nie zuvor gesehen hat. Ein geniales Foto lässt dich innehalten und nachdenken, es geht tiefer als die bloße, äußere Betrachtung.

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Tansania durch die Linse von Jarrad Seng

Wie reagieren Menschen weltweit auf dich und deine Kamera?

Jarrad Seng: Menschen reagieren sehr unterschiedlich. Manchmal hat das kulturelle Gründe, manchmal persönliche. Einige genießen es, sich selbst in Szene zu setzen, andere reagieren schüchtern, fühlen sich unwohl mit der Kamera vor dem Gesicht. In Afrika zum Beispiel haben die Kinder ihre Gesichter hinter ihren Büchern versteckt, wenn sie mich mit der Kamera gesehen haben. Ich glaube, sie dachten, es sei eine Waffe.

Was ist das Beste, das dir auf Reisen passiert ist?

Jarrad Seng: Es ist schwer, nur einen besten Moment zu wählen. Aber mit einem Hundeschlitten über die Gletscher von Island zu fahren war großartig. Durch endlose weiße Weiten zu gleiten war surreal und unvergesslich. Außerdem war es genial, Passenger in Dublin vor 12.000 Menschen spielen zu sehen. Nur ein Jahr zuvor war ich dabei als er in einem Mini-Pub in Australien vor einer Handvoll Leute spielte. Eine ganze Arena seine Musik feiern zu sehen hat mir echt Gänsehaut beschert.

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Auf Tour mit Ed Sheeran machte Jarrad dieses atemberaubende Foto

Ist das Tour-Leben so Rock 'n' Roll wie man denkt?

Jarrad Seng: Nicht wirklich. Viele verstehen nicht, dass Touren für alle Beteiligten harte Arbeit ist. Jede freie Minute verbringt man damit, von Stadt zu Stadt zu fahren. Dazu kommt eine endlose Flut von Radio- und Presseinterviews, das Organisieren und natürlich die Shows selbst. Auf der letzten Passenger-Europatour hatten wir Glück und zwischendurch einige Stunden frei. Dann wurde es auch mal ein bisschen wilder. (lacht)

Kannst du noch an einem schönen Ort sein, ohne sofort die Kamera auszupacken und loszuknipsen?

Jarrad Seng: Nein - das ist wohl der Fluch des Fotografen. Eines Tages will ich auf jeden Fall meine Kameraausrüstung zu Hause lassen, nur einen Rucksack nehmen und einfach in einer anderen Welt, in dem Moment aufgehen. Eines Tages werde ich das tun! Aber noch gibt es zu viel zu sehen, zu entdecken und die Linse ist Teil der Reise - noch! (lacht)

<figcaption>Jarrads Portrait seiner Heimatstadt Perth</figcaption>
Jarrads Portrait seiner Heimatstadt Perth

Gibt es ein Bild, das Heimat für dich symbolisiert?

Jarrad Seng: Vor einigen Jahren habe ich meine Heimatstadt Perth (Australien) durch eine Glaskugel-Linse aufgenommen. Die kreiert eine interessante Illusion - so als befände sich die Stadt in einer Blase. Und das ist genau, wie Perth manchmal auf mich wirkt - ich liebe es, aber ich denke oft, wir leben dort in einer Blase, abgeschnitten vom Rest der Welt. Deshalb erinnert mich dieses Bild an zu Hause, im wörtlichen und metaphorischen Sinn. Ich bin dankbar dafür, dass ich kleine Eindrücke von dem Leben in weit entfernten Ländern gewinnen kann.

Welche Orte auf der Welt willst du noch sehen?

Jarrad Seng: Ich will unbedingt einmal die Nordlichter auf Island fotografieren. Ich habe schon so viele Bilder von diesem magischen Schauspiel gesehen und Videos davon auf YouTube. Leider war ich selbst zur falschen Zeit dort. Ein nächster Island-Trip steht also auf der Liste.