Für absolute Nicht-Paddler: was kann man sich unter Freestylen im Kanusport vorstellen?

Tobias Huether: Beim Kanufahren gibt's zwei Bootsklassen: Einen Canadier, in dem man kniet und ein sogenanntes Stechpaddel benutzt und der entweder geschlossen oder offen ist, und das Kajak, in dem man sitzt und ein Doppelpaddel hat. Das ganze gibt's dann auch als Freestyleboot, das ist dann für die Wettkampfdisziplin. Ich selbst fahre ein beim Freestyle und im Wildwasser sowohl den Canadier als auch den offenen Canadier. Im Freestyle werden dann Figuren gemacht, ähnlich wie beim Snowboarden in der Halfpipe oder am Kicker: zum Beispiel ein Salto oder eine Eskimorolle in der Luft.

Was packt dich beim Kanufahren?

Tobias Huether: Das Naturerlebnis beim Kanufahren ist einfach atemberaubend. Man kommt in die entlegensten Gegenden, lernt neue Länder und Menschen kennen. Interessant sind auch Paddel-Expeditionen, zum Beispiel im Himalaya. Was da erlebt wird ist der Wahnsinn - da geht man an die Grenze dessen, was beim Paddeln möglich ist, wo das Risiko nicht mehr kalkulierbar ist. Aber es ist auch die persönliche Herausforderung, die den Sport besonders macht: wenn man auf einem Fluss eine Schlüsselstelle hat, auf die man sich konzentrieren muss und die meistert, dann bringt das Selbstbewusstsein und ein unglaubliches Glücksgefühl. Oder man lässt es ruhiger angehen und genießt einfach die Landschaft und das Paddeln mit Freunden.

Man kann es ruhiger angehen lassen oder Saltos in der Luft mit einem Boot machen. Aber woher holt ihr dafür den Schwung?

Tobias Huether: Aus stehenden Wellen im Fluss, so wie zum Beispiel in München auf der Eisbachwelle - sowas gibt's halt auch auf größeren Flüssen. Dort muss man einfach wissen was man tut, wie man mit der Geschwindigkeit und Wasserwucht zurechtkommt. Mit dem Schwung, den die Welle erzeugt, kann man dann easy eine Eskimorolle komplett in der Luft machen. Die nächste Welle von München aus ist zum Beispiel in Zürich. Generell sind Wellen in Europa aber eher selten. Häufiger findet man welche in Kanada - die sind zum Teil bis zu drei Meter hoch. Und auf der Welle surfen ist für mich das Nonplusultra.

Wellen sind also das Nonplusultra. Dein schönster Kanu-Moment?

Tobias Huether: Da gibt's viele schöne Momente. Aber ich bin eher ein Wellenjunkie, deswegen: das erste Mal als ich in Montreal auf der Pyramid-Welle mit dem Boot gesurft bin war etwas ganz besonders. Die Welle ist in den Lachine Rapids - auch ein beliebter Ort für Touristen mit vielen Stromschnellen. Ja, das war ein besonders schöner Moment.

Kanada, Zürich - wo gibt es denn die besten Plätze für Kanufahrer?

Tobias Huether: Kanada! Ich war 2007 für sechseinhalb Woche da bei der WM auf dem Ottawa-River. Dort bin ich auf einer Welle gesurft deren Name Buseater Programm ist - da passt quasi ein Reisebus rein. Außerdem gibt es rund um Montreal das ganze Jahr über mindestens drei Wellen, die super zum surfen sind. Top zwei ist für mich Tessin, dort fahre ich dann Wildwasser. Dabei macht man auf schweren Flüssen auch Grenzerfahrungen, nicht immer ganz ungefährlich. Und neben dem körperlichen Anspruch ist das Naturerlebnis der Wahnsinn: hohe Wasserfälle und kristallklares, grün-blaues Wasser, in dem es die schönsten Lichtreflexionen gibt. Top drei ist dann Lamalate in Besancon, da steht im Winter bei Hochwasser und Schneeschmelze die beste Welle Europas - da kannst du richtig fliegen mit dem Boot.

Gibt's noch Orte von denen du als erfahrener Paddler noch träumst?

Tobias Huether: Oh ja, da gibt's einige und die Liste ist auf jeden Fall lang. Angefangen von Chile über Norwegen, Island, da gibt's dann auch viele Wasserfälle und zudem Uganda. Dort gibt's den weißen Nil, ein Riesenfluss der durch halb Afrika fließt: 26 Grad Wassertemperatur und 40 Grad Außentemperatur und eine Welle nach der anderen. Leider wird da bald ein großer Staudamm gebaut und das könnte die Wellen beeinflussen, da müsste man also schnell hin.

Und wenn ich nun partout nicht selbst ans Paddel will, wo kann ich mir dann wenigstens beim Zugucken ein Gefühl von Paddel-Freiheit holen?

Tobias Huether: Also da gibt's in jedem Jahr eigentlich vier fünf Möglichkeiten sich das anzuschauen: Plattling wäre in Deutschland der Homespot. Hier laufen jedes Jahr die Qualifikationen für internationale Wettkämpfe. In Österreich sind nächstes Jahr in Wien Events auf einem neugebauten künstlichen Kanal geplant. Kleiner Turniere gibt's zum Beispiel im Frühjahr im Rheinland beim Wiesenwehr oder die Münchner Meisterschaft an der Floßwende und in Norddeutschland auf der Oker findet jährlich das Freestyle Oker-Rodeo statt.