Aller Anfang ist schwer - sprich Französisch oder schweige

Als er 2001 ankam, sprach er kein Wort Französisch. "Ich durchwanderte drei Jahre lang das Tal der Tränen, vor allem weil ich, entgegen meiner Annahme, entdeckte, dass ich kein Sprachtalent bin. Mein Französisch war anfangs nicht existent. Meine erste Erfahrung nach drei Wochen Sprachkurs war eine Dame, die mir am Telefon sagte: 'Ne quitte pas!' Dann war die Leitung tot. Ich dachte, sie hätte gesagt, sie könne nichts für mich tun und hatte aufgelegt. Später wurde ich aufgeklärt, dass sie meinte, ich solle kurz in der Leitung bleiben. So entstehen Vorurteile." Zu einem weiteren, lustigen Zwischenfall kam es, als sich Oliver einem Franzosen mit "Oli Mohr" vorstellte, es jedoch so aussprach, dass sein gegenüber "Au lit mort" verstand - also "tot im Bett."

<figcaption>Mit Hilary Swank (r.) konnte Olli zum Glück Englisch sprechen</figcaption>
Mit Hilary Swank (r.) konnte Olli zum Glück Englisch sprechen

Und heute? "Ich würde sagen, ich spreche besser als Guido Westerwelle, als er sein Amt antrat", scherzt er. Wer schon mal versucht hat, mit miesem Schulfranzösisch bei einem französischen Kellner zu bestellen, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, mit geringen Sprachkenntnissen einen Job zu finden - auch wenn die Deutschen für ihre Zuverlässigkeit geschätzt werden. Die ersten zwei Jahre sprach Oliver in Business-Situationen konstant Englisch, da er sich so sicherer fühlte. Er stellte fest: "Wenn man den Franzosen keine Chance lässt, geben sie auch meistens in deutlichem Französisch Antwort. Denn sie sind aufgrund ihres harten Akzents zu schüchtern, um Englisch zu sprechen."

Pünktlich und Deutsch ist gleich Spießer?

Das Job-Problem hat Oliver gelöst, in dem er sich damals mit dem "Pariser Büro", eine Agentur für Korrespondenz und Events, in Paris selbstständig gemacht hat. Dort betreut er Kunden wie Gruner und Jahr, die spanische Vogue, Smart, BoConcept, oder Louis Vuitton. Wenn er das Land in drei Adjektiven beschreiben soll, fallen ihm spontan "unpünktlich", "elegant (aber nur die Pariser!)" und "lecker" ein.

Apropos Unpünktlichkeit: Er erzählt, dass jeder Franzose zu Geschäftsterminen oder Verabredungen grundsätzlich zehn Minuten zu spät kommt. Anfangs fand er das bizarr, heute fällt es ihm selbst schwer, pünktlich zu sein. Dass einen das Land verändert, kann Oliver also nur bestätigen: "Vor allem meine Verbissenheit und Penetranz an viele Dinge heranzugehen, hat sehr nachgelassen." Denn dass die Mentalität der Franzosen eine andere ist, wird jedem Besucher schnell klar.

Laissez-faire vs. deutsche Verbissenheit

Auch wenn es im ersten Moment verdächtig nach einem Klischee klingt, ist Oliver überzeugt, dass sich die Franzosen am deutlichsten von den Deutschen durch ihre "Laissez-faire"-Einstellung unterscheiden. "Leben, Essen und Freizeit haben einen höheren Stellenwert als in Deutschland", hat er schnell festgestellt. Was man also von unseren Nachbarn lernen könnte? "Nicht alles so bierernst nehmen, das Leben auch mal genießen. Einfach laufen lassen und sich nicht ständig den Kopf zerbrechen."

Wer das Leben in Paris in vollen Zügen genießen möchte, sollte sich jedoch die hohen Lebenshaltungskosten bewusst machen. Tausend Euro Miete für ein zentral gelegenes Ein-Zimmer-Apartment sind keine Seltenheit. Da die Wohnungen oft winzig sind, trifft man sich am liebsten draußen, in Restaurants und Bars, wo gerne viel Geld für gutes und teures Essen ausgegeben wird.

<figcaption>Ein Ort, um das Leben zu genießen: Biarritz</figcaption>
Ein Ort, um das Leben zu genießen: Biarritz

Ab in den Süden - ultimative Regiestils

Lediglich im August wirkt die Stadt wie ausgestorben. Dann flüchten alle in den Süden ans Meer. Auch Oliver hat sein eindrücklichstes Erlebnis außerhalb von Paris gemacht: "Die Erfahrung, dass der Franzose auf dem Land eigentlich ein äußerst netter und liebenswerter Zeitgenosse ist. Die ersten drei Jahre verbrachte ich quasi nur in Paris und war geschockt von der Hektik, der Arroganz und dem Stress, der hier herrscht." Genau deshalb empfiehlt er auch, den Süden zu erkunden.

Dass es im Süden entspannter zugeht, könnte auch an den Sonnenstunden liegen, die am Mittelmeer und am südlichen Teil des Atlantiks im Juli sogar bis zu 12 Stück pro Tag erreichen - bei einer Durchschnittstemperatur von 27° Grad. Seiner Meinung nach sollte man auf keinen Fall Cassis verpassen, ein zauberhaftes, romantisches Fischerdörfchen unweit von Marseille. Sein Tipp: "Nur außerhalb der Saison besuchen. Ansonsten ist es von Touristen überlaufen." Die zweite Empfehlung ist Biarritz, Surferparadies und mondänes Städtchen an der Atlantikküste. Und auch Bayonne sei ebenfalls eine Reise wert: "Das baskische Dorf unweit von Biarritz feiert jedes Jahr Ende Juli das wildeste Stadtfest, das ich jemals erlebt habe. Der Höhepunkt ist der Stierlauf durch die Stadt. Es ist das zweitgrößte Stadtfest in Frankreich."

Romantik pur: Paris gilt nicht umsonst als die Stadt der Liebe
Romantik pur: Paris, die Stadt der Liebe

Vive l'amour! Französische Dramatik in Liebesdingen

Was ihm im Urlaub immer wieder auffällt: Die Pariserin unterscheidet sich sehr von der Land-Französin, nicht nur äußerlich durch ein perfektes Styling von Kopf bis Fuß. Denn in der Stadt der Liebe ist die Liebe doch eher temporär. In seinem Freundeskreis macht Oli immer wieder folgende Beobachtung: "Meistens ist es sofort die Liebe des Lebens. Aber nach drei Monaten sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Das war dann vor allem teuer für den männlichen Geldbeutel, denn die Französin zahlt eigentlich nie (gerne). Man muss es sich vorstellen wie einen typischen französischen Film - das Komplette Drama-Rama Programm."

Mit einem Vorurteil muss Oliver jedoch aufräumen: "Nach außen heißt es immer, dass es Franzosen nicht so ernst mit der Treue nehmen. Das ist nicht richtig. Es wird in Frankreich nur sehr viel mehr über Liebhaber oder Liebhaberinnen gesprochen." Ein großer Unterschied zu Deutschland ist das Thema Flirten. "Kein Mädchen bleibt hier fünf Minuten an der Bar alleine. Da können sich die Deutschen ruhig mal eine Scheibe abschneiden." Gerne erzählt er das Beispiel, als sich eine französische Freundin von ihm nach einem München-Besuch beschwerte: "Ich stand zwei Stunden alleine an der Bar. Ich hätte auch nackt hier stehen können und keiner hätte mich angesprochen. Was ist eigentlich los mit den deutschen Männern?"

<figcaption>Rotwein, Käse und Baguette? Olli vermisst sein Schwarzbrot</figcaption>
Rotwein, Käse und Baguette? Olli vermisst sein Schwarzbrot

Worauf ein Deutscher auch in Frankreich nicht verzichten kann

Gibt es denn überhaupt noch etwas, was ihm an Deutschland fehlt? In den ersten Jahren vermisste Oliver vor allem ein gutes, deutsches Schwarzbrot oder eine leckere Brezel. Doch auch dieses Problem hat er in den Griff bekommen: "Mittlerweile steht die deutsch-französische Teigwaren-Brücke und ich lasse mich regelmäßig von Freunden oder sogar Geschäftskunden mit Care-Paketen versorgen." Und das berühmte Viertele aus seiner schwäbischen Heimat, eine Weißweinschorle, mischt er sich meist selbst zu Hause - jedoch heimlich. "Dass man ihre heiligen Säfte mit Mineralwasser mixt, darf man auf keinen Fall Franzosen sehen lassen."