1:0 für L.A. - Kalte Berliner Mitte schießt ein Eigentor

Berlin erspielt sich sofort einen Vorteil. Laut dem Verein Deutsche Organisierte Tätowierer (DOT) ist Berlin die deutsche Stadt mit den meisten tätowierten Menschen und den meisten Studios - mehr als 200 an der Zahl. Da kann L.A. mit seinen etwa 150 Tattoo-Studios nicht mithalten. Die deutsche Hauptstadt kommt dank unkonventioneller Einwohner und einer kreativen Atmosphäre einem Volltreffer verdächtig nahe. Der bleibende Körperschmuck passt zum Berliner Lebensgefühl. "Tattoos gehören hier dazu", bekräftigt ein Student aus Friedrichshain.

Leider verdaddelt Berlin den Vorteil mit Schwächen in den mittleren Akzeptanz-Reihen. Laut Tattoo-Model Lexi Hell wird man mit Tattoos in Berlin nämlich doch mancherorts schief angeschaut. "Wenn ich in Mitte einkaufen gehe, werde ich oft angestarrt und die Security in einigen Kaufhäusern folgt mir auf Schritt und Tritt", sagte sie gegenüber RTL. Selbst Jobs im Einzelhandel habe Lexi wegen ihrer Tattoos nicht bekommen. In Sachen Tattoo-Freundlichkeit schießt Berlin dank der versnobten Mittelstürmer somit ein Eigentor.

Los Angeles hat gut Lachen. Nach Angaben einer Studie von Harris Interactive sind bis zu 25 Prozent aller Amerikaner tätowiert, die Menschen in Californien gelten dabei als besonders Tattoo begeistert. Und eine derart Tattoo freundliche Atmosphäre wie in L.A. findet sich, laut einer Umfrage von totalbeauty.com, an keinem anderen Ort der USA. In L.A. sind so viele Menschen tätowiert, dass es schon auffällt, wenn man kein Tattoo hat. Motto: Je bunter, desto besser - bei der Jobsuche stört verzierte Haut auch nicht. Schließlich zeigen hier selbst Stars wie Angelina Jolie oder Johnny Depp ihre Tattoos stolz auf den roten Teppichen. Bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von 18 Grad kann man seine bunte Haut in L.A. auch zeigen - vor allem im Vergleich zum, mit durchschnittlich 8,9 Grad im Jahr, frostigen Berlin. Für diese warmherzige Offenheit hat sich L.A. die 1:0 Führung verdient.

2:0 für L.A. - Hollywood Glamour punktet gegen Berliner Understatement

Weiter rollt der Ball. Berlin spielt auf hohem Niveau in Sachen Tattoo-Studios. Bei den Usern von Seiten wie tattoo-stuben.de kam u.a. das Berliner Studio Fine Art Tattoo gut weg. Das Stadtteilportal Qiez empfiehlt u.a. Berlin Ink Tattoo und Craftz Berlin. Im Ausland wird das AKA Berlin gefeiert und fragt man sich durch die Straßen Berlins, wird das Studio Scratchers Paradise als Geheimtipp gehandelt.

Passend zum Berliner Understatement und Kollektiv-Bewusstsein, wird hier unter den Tätowierern kaum Starkult betrieben. Im Focus der Öffentlichkeit stehen meist die Namen der Studios, nicht die der einzelnen Künstler. Der breiten Masse bekannt sind lediglich Rapper Sidos Studio Ich und meine Katze - wobei das eher an Sido als an der Tattoo-Kunst liegt - und das Classic Tattoo von Daniel Krause aus der DMAX-Soap "Berlin sticht zu". Berlin hält also den Ball lieber flach in Sachen Starrummel. Eine feine Sache - wenn sie konsequent zu Ende gespielt wäre. Denn die Versuche, von einigen Außenstürmern, dann doch auf Promi zu machen und ihre Studios mit Schnappschüssen von C-Celebrities, sprich Castingshow-Teilnehmer und Soapsternchen, unter ihren Kunden zu tapezieren, wirken eher peinlich.

In Los Angeles stürmt man dagegen aller Orts mit voller Star-Power drauf los. Zu Tätowiererin Kat von D's Kundenkreis zählen Hochkaräter wie die Bandmitglieder von Slayer und Green Day. Hierzulande bekannt durch die TV-Show "L.A. Ink" hat sich Kat von D mit ihrem High Voltage Tattoo in der L.A.-Tattoo-Szene einen Namen gemacht. Berühmte und gute Studios gibt es in L.A. zur Genüge. Laut dem online-Magazin laist.com sind das japanische Onizuka Tattoo, The Honorable Society und Tattoo-Star Jeremy Swans' Broken Art Tattoo die drei Top-Adressen für Tattoo-Kunst in Los Angeles. Durchstöbert man diverse Foren, zeigen sich viele Fans begeistert von der Tattoo-Legende Mr. Cartoon in seinem Skid Row Studio. Mit so viel Selbstbewusstsein und Starpotential macht L.A. das Tor und erhöht auf 2:0 - man darf sich ja schließlich auch mal Feiern dürfen, wenn man's drauf hat.

Nur noch 2:1 - Berliner Tiefe übertrumpft L.A. Oberflächlichkeit

Was Wartezeiten angeht spielen beide Städte gleich stark auf. Generell gilt: Je größer der Name, desto länger die Warteliste. Berlin hat sich in den letzten Jahren, laut DOT, gut auf Laufkunden eingestellt. So bekommt man auch mal auf die Schnelle einen Termin. In L.A. - vorausgesetzt man will jetzt nicht gerade zu Kat van D oder Mr. Cartoon, findet sich auch recht einfach ein freier Tätowierer. Los Angeles ist auf spontane Verrücktheiten vorbereitet. Es ist dennoch sinvoll, sich vorab zu informieren und Termine zu vereinbaren. Urlaubsspontanitäten werden schließlich oft bereut - egal ob in Berlin oder L.A....

Auch in Sachen Preise geben sich beide Städte nicht viel. Dank des schwachen Dollars muss man in L.A. mancherorts etwas weniger berappen als in Berlin. Bei den Star-Tätowierern ist dafür drauflegen angesagt. Sparen sollte bei einem Tattoo jedoch sowieso nicht im Vordergrund stehen. Allzu billig, bedeutet nämlich oft auch schlecht gestochen.

Einen Treffer landet Berlin aber mit der Qualität der Beratung. Laut DOT wünschen sich Kunden heutzutage ein individuelles Tattoo anstatt schnöder Katalog-Motive. Damit ist die Fähigkeit des Tätowierers, auf Kundenwünsche einzugehen und gut zu Beraten, umso bedeutender. In Berlin wird dem in den meisten Shops mit deutscher Gründlichkeit in der Beratung Rechnung getragen. Die Vorgespräche in L.A. sind dagegen doch oft eher weniger tiefsinnig oder sensibel. Wer sich also mit der amerikanischen "don't think, just do it"-Attitüde überfahren fühlt, ist in Berlin besser aufgehoben. Für den dortigen Tiefgang startet das Team der deutschen Hauptstadt seine Aufholjagd. Neuer Zwischenstand: 2:1 für L.A.

Tor auf jeder Seite, es steht 3:2 - Beide punkten in Sachen Angebot

Ein Blick ins Lexikon verrät, dass man bei Tattoos etwa zehn Haupt-Stil-Richtungen, wie zum Beispiel Oldschool oder Realistic, unterscheidet. Jeder dieser Hauptrichtungen lässt sich in etwa fünfzig Sparten, wie Comic oder Ethno, unterteilen. Die Möglichkeiten sind endlos - und das in beiden Städten gleichermaßen! Die Tattoo-Szene agiert global und sowohl Berlin als auch Los Angeles bieten ihren Kunden alle Stilarten und Sparten. Damit teffen beide Kontrahenten voll ins Schwarze.

Einen für Berlin typischen Tattoo-Stil gibt es dabei nicht wirklich. Passend zur Dynamik der Stadt, geht es unter den Tattoo-Künstlern innovativ und unangepasst zu. Typisch für L.A. sind dagegen die kräftigen Farben und der Mexican Style - d.h. bunt verzierte, weibliche Köpfe mit angedeutetem Totenschädel kombiniert mit männlichen Totenköpfen. Morbide und farbenfroh. Wer sich nun in Berlin das L.A.-Mexico-Feeling unter die Haut stechen lassen will, kann bei Adrian Machete in seiner Machete Ink Gallery vorbeischauen. Alles ist möglich im Tattoo-Dorf namens Welt! Also, beide haben einen Punkt verdient! Zwischenstand: 3 zu 2 für L.A.

Ausgleich zum 3:3 - Team Berlin holt mit Show-Angebot auf

Inzwischen ist rund um die Tattoos eine lebendige Kultur entstanden - inklusive Mode, Musik und Events. Laut der World-Tattoo-Events-Liste finden in Deutschalnd nach den USA weltweit die meisten Veranstaltungen zum Thema statt. Gerade die Hauptstadt Berlin spielt dabei in Sachen Events groß auf - allein 2013 finden hier noch die international berühmte Berlin Tattoo Convention und das Tattoo Festival Berlin statt.

L.A. sieht dagegen blass aus. Außer dem Musink Tattoo Convention & Muisk Festival hat L.A. Stadt für dieses Jahr nichts Größeres zu bieten. Gut, dafür treten auf der Musink Kult-Bands wie Bad Religion oder Pennywise auf. Trotzdem, wer an Tattoo-Conventions und Messen interessiert ist, muss Autofahren - z.B. nach San Diego. Berlin bietet seinen Fans die dicken Events aber direkt vor der Tür. Klares Tor und der verdiente Ausgleich zum 3:3.

Tooor! Berlin siegt 4:3 - und bestraft das hohe Risiko, das L.A. ging

Deutschen wird eine regelkonforme Spielweise nachgesagt - in Sachen Tattoo-Richtlinien, Sicherheits- und Hygienestandards lässt sich das unterstreichen. Eine Gefahr wurde jedoch lange vernachlässigt: Schädliche Farben.

Nach Angaben des Baden-Württembergischen Ministeriums für Verbraucherschutz fanden Chemiker in über der Hälfte aller Farbproben schädliche Stoffe wie Schwermetalle. Im Jahr 2009 trat daher eine Verordnung in Kraft, die Kennzeichnungen regelt und Stoffe auflistet, die in Tattoofarben verboten sind. Dennoch gibt es, trotz Kritik des Bundesinstitut für Risikobewertung, bis heute keine Positiv-Liste mit Farben, die verwendet werden dürfen. Wer in ein Tattoo-Studio und nicht zu einem Hinterhof-Tätowierer in Berlin geht, kann jedoch schon ziemlich sicher sein, dass die Farbqualität hoch ist. Zur Absicherung sollte man im Studio nachzufragen, welche Farben verwendet werden.

In L.A. sind die Spielregeln andere. Zwar gibt es auch in Kalifornien strenge Hygienevorschriften, dafür aber auch extrem viele nicht lizensierte Tätowierer. Das liegt vor allem daran, dass der Staat es für Tätowierer extrem kompliziert und kostspielig macht, eine Lizenz zu erhalten. Die Farbbeschaffenheit ist in Kalifornien bis dato überhaupt nicht reglementiert - was ungute Folgen hat. Bei Untersuchungen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit fielen Tinten eines US-Herstellers durch Schadstoffwerte auf, die zum Teil 180fach über dem europäischen Grenzwert lagen. Klar, gibt es auch in L.A. unbedenkliche Farben, etwas mehr Risikofreude sollte man für ein Tattoo dort aber mitbringen.

Hier wird die L.A. Risikobereitschaft abgestraft. In Sachen Sicherheit macht Berlin das vierte, entscheidende Tor! Damit gewinnt die deutsche Hauptstadt nach einem hart umkämpften Tattoo-Duell mit 4:3!