Langsam wagen sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke über der schottischen Hauptstadt Edinburgh, während man die letzten Vorbereitungen für die 69. Ausgabe von Fringe trifft, dem weltweit größten Festival für darstellende Künste. So könnte Ihre Woche im Herzen dieses verrückten Festivals beginnen, das sich jedes Jahr im August abspielt.

Ein Artikel von Sarah Lachhab von French Kilt

Fringe, das sich noch nie einen Stempel aufdrücken ließ, wird häufig mit den "Off"-Aufführungen des Festivals von Avignon verglichen. Schließlich wurde der Name für dieses kulturelle Ereignis nicht zufällig gewählt: "Fringe" ist der englische Begriff für "am Rande", nämlich am Rande des internationalen Edinburgh Festivals, das seit 1947 jedes Jahr im Sommer stattfindet. Ein "Rand", der mit einem Tsunami vergleichbar ist und drei Wochen lang die gesamte Stadt in Atem hält - drei Wochen, in denen absolut alles erlaubt ist.

3.000 Aufführungen, 300 Säle

Fringe Festival Edinburgh Kostüm Menschen
Foto: Edinburgh Festival Fringe Society

Tausende von Besuchern sorgen dafür, dass die Stadt auf das Dreifache ihrer eigentlichen Größe anschwillt. Alle kommen sie wegen der 3.000 Aufführungen, die von den Fringe-Organisatoren ermöglicht werden. Fringe-Plakate hängen praktisch an jedem Laternenpfahl, an jeder Straßenecke. Pubs und Theatersäle geben die Bühnen frei und lassen Bier Bier sein. Mehr als 300 Veranstaltungsorte bereiten sich darauf vor, Theaterstücke, Tanz- und Opernvorstellungen, aber auch Ein-Mann-Shows gekonnt in Szene zu setzen. Zwar muss für die Vorstellungen in der Regel Eintritt bezahlt werden (6 bis 23 EUR), in vielen Pubs gilt jedoch schon der Verzehr als Eintritt. Darüber hinaus gibt es in diesem Jahr mehr als 600 kostenlose Aufführungen.

Ein Tag - zahllose Aufführungen

Am ersten Tag wird zunächst das Fringe-Programm erkundet, das so reichhaltig und verführerisch ist wie ein englischer Scone. So ist es kaum verwunderlich, dass man auf dem Stadtplan eine wahre Milchstraße an Spielstätten findet. Dennoch kann man eigentlich nichts falsch machen: Sobald das Festival eröffnet ist, muss man nur seinem Instinkt folgen und sich einfach von einem ansprechenden Plakat oder einem netten Gesicht leiten lassen. Unsere Empfehlung: Besuchen Sie eine der Zirkusvorstellungen im Herzen des groß angelegten Meadows-Parks, denn für die ist Fringe besonders bekannt. Je näher die Vorstellungen heranrücken, desto weniger werden Sie das Glück haben, eine der beliebten Eintrittskarten zu ergattern. 3, 2, 1, vorbei: Ein-Mann-Shows in den Pubs, Auszüge aus den Vorstellungen auf der Royal Mile, Bier zwischen den Aufführungen ... Die Stadt ist nicht zu bremsen. In diesen Wochen läuft sie heiß, auch wenn das Thermometer nur mit Mühe die 25-Grad-Marke erreicht. Allabendlich wird es noch einmal laut, wenn in der Burg von Edinburgh das Feuerwerk im Rahmen des Military Tattoo Festivals gezündet wird. Mit diesem täglichen Spektakel soll daran erinnert werden, dass der August in Edinburgh etwas ganz Besonderes ist.

Fringe Festival Edinburgh
Parliament Square - Foto: James Ratchford / Edinburgh Festival Fringe Society

Ein Festival kommt selten allein

Der Morgen danach ist dann immer etwas schwierig. Aber mit den guten alten Gewohnheiten gelingt alles gleich viel leichter: auf dem Handy die Festival-App durchsehen oder beim Aktionszelt vorbeischauen, wo jeden Tag verbleibende Eintrittskarten zum halben Preis angeboten werden. Wenn nach einigen temporeichen Tagen die Knöchel langsam ihren Dienst versagen und sich das Gedränge in der Menschenmenge am eigenen Körper bemerkbar macht, ist es Zeit für eine Pause. Warum suchen Sie sich nicht ein schattiges Plätzchen? Unweit vom regen Fringe-Treiben bietet sich das Bücherfestival auf dem Charlotte Square als entspannende Abwechslung an. Dort gibt es Gelegenheit zum Flanieren und zum Besuch von Lesungen. Mit ein bisschen Glück kann man sogar den einen oder anderen Autor treffen. Alternativ lohnt sich auch das Edinburgh Art Festival, das sich in den Museen und Galerien der Stadt abspielt. Dort müssen Sie noch nicht einmal Ihre Geldbörse zücken. Später können Sie dann wieder zum Fringe-Spektakel zurückkehren, wo Sie auf keinen Fall "die" Show verpassen dürfen.

Fringe Festival Edinburgh Bühne Aufführung
Foto: Janeanne Gilchrist / Edinburgh Festival Fringe Society

So können Sie bares Geld sparen

  • Reservieren Sie Ihre Unterkunft im Voraus. Und zwar sehr, sehr weit im Voraus. Die Preise steigen ins Unermessliche, besonders im Stadtzentrum. Auch kann es sich lohnen, sich eine Unterkunft außerhalb des Stadtzentrums zu suchen und jeden Tag mit dem Bus zu den Spielstätten zu fahren.
  • Achten Sie auf laufende Sonderaktionen. Jeden Tag werden Hunderte von Eintrittskarten zum halben Preis verkauft, insbesondere damit die Kapazität der Säle ausgenutzt wird. Außerdem werden vielerorts Straßenshows aufgeführt, für die kein Eintritt gezahlt werden muss. Lediglich am Ende der Aufführung wird ein Hut herumgereicht ...
  • Reisen Sie mit einem Freund: Da es an vielen Orten "2 for 1" heißt, brauchen Sie nur eine Karte zu kaufen und erhalten die zweite dann kostenlos.
Fringe Festival Edinburgh Bühne Aufführung
Foto: Janeanne Gilchrist / Edinburgh Festival Fringe Society

Schon gewusst?

Beim Fringe-Festival werden mehr Eintrittskarten verkauft als bei den Olympischen Spielen oder bei der Fußball-WM! So wurden 2015 mehr als 2 Millionen Karten ausgegeben. Und darin sind noch nicht einmal die kostenlosen Aufführungen enthalten.

Persönliches Highlight

Mir hat es das Fringe-Motto angetan: "Defying the norm since 1947" - gegen die Norm. Und beim Fringe-Festival in Edinburgh erreicht man das seit fast 70 Jahren mit einem ganz besonderen Charme, der einen jedes Mal aufs Neue bewegt.

Fringe Festival Edinburgh
High Street - Foto: Edinburgh Festival Fringe Society